Pressespiegel
Eine Büste von Heinrich Heine ist am 28. Juli 2010 vom bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in der Walhalla bei Regensburg enthüllt worden. Der einst verfemte und verbrannte Düsseldorfer Schriftsteller findet damit eine späte Anerkennung in der nationalen Ruhmeshalle, wo er nun mit Goethe, Schiller, Einstein und Sophie Scholl steht.
Geschaffen hat die Büste der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim, der keine idealisierte Form gewählt, sondern Heines Totenmaske zur Grundlage seiner Arbeit gemacht hat. Den Kopf durchzieht ein feiner Spalt, der Heines Zerrissenheit auf der einen, aber auch sein Gespaltensein mit Blick auf die Aufnahme in das deutsche Pantheon widerspiegeln soll.
Initiiert hat die Aufnahme Heines in die Walhalla der „Freundeskreis Heinrich Heine“. Die Stadt Düsseldorf hat wegen persönlicher Animositäten gegen den Freundeskreis-Vorsitzenden Karl-Heinz Theisen keinen Zuschuss für die Büste gewährt. Das Zerwürfnis geht so weit, dass nun kein Bürgermeister oder sonstiger offizieller Vertreter der Landeshauptstadt in der Walhalla dabei war. Die Delegation aus Düsseldorf nach Donaustauf umfasste dennoch rund 100 Personen.
Die Festrede auf Heine hielt Dieter Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er würdigte Heine als einen "der großen geistigen Wegbereiter Europas" und einen "der bedeutenden deutschen Autoren, welche die jüdische Identität in die deutsche zu integrieren versuchten", von daher gebühre "ihm der nunmehr hochsymbolische Platz in der Walhalla".
**********
Aus „Westdeutsche Zeitung“ (WZ) vom 22.7.2010:
Der Spötter in der Walhalla - Heinrich Heine Büste wird im deutschen Pantheon aufgestelltvon Uwe-Jens Ruhnau
Die Düsseldorfer liefern dazu einen kleinkarierten Streit
„ Was hat er nicht gespottet über die Ruhmeshalle des Bayern-Königs Ludwig I. Die Walhalla in Donaustauf bei Regensburg, errichtet im Jahre 1842 zu Ehren von „rühmlich ausgezeichneten Teutschen“, verriss Heinrich Heine als „marmorne Schädelstätte“. Der klassizistische Tempelbau mit den uniformen Büsten konnte dem kritischen Geist nicht gefallen. Nun wird dort aber auch der verfemte und verbrannte Dichter, der 1856 im Pariser Exil starb, geehrt. Am Mittwoch wird Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der anders als sein Vorgänger Edmund Stoiber das Heine-Projekt beförderte, die Büste enthüllen.
Die Deutschen haben bis heute ein Problem mit Heinrich Heine
Heine ist Nummer 130 in der Walhalla, dabei zählt er unbestritten zu den größten deutschen Dichtern und hätte schon längst im obligatorischen Lasa-Marmor aufgestellt gehört. Aber so, wie Heine seine Probleme mit den Deutschen hatte, hatten und haben sie ein Problem mit ihm. Sogar in Düsseldorf, wo Heine heute offiziell als größter Sohn der Stadt bezeichnet wird.
Der bayerische König Ludwig I. ließ die Walhalla zwischen 1830 und 1842 erbauen. Der Ruhmestempel für berühmte Deutsche thront im griechischen Stil auf einem Hügel über der Donau bei Donaustauf. Der Monumentalbau wird bis 2013 für 11,35Millionen Euro saniert. Bisher werden die Büsten von 129 verdienten Deutschen ausgestellt. Alle Geehrten müssen mindestens 20 Jahre tot sein. Die Entscheidung für die Aufstellung einer Büste trifft die bayerische Staatsregierung in einem langwierigen Verfahren. Sachverständige erstellen Gutachten über die Bedeutung der vorgeschlagenen Persönlichkeit. Jeder Bürger und jede Institution kann Persönlichkeiten vorschlagen.
Wer eine neue Büste anregt, muss in der Regel aber auch die Kosten übernehmen. Den Vogel abgeschossen haben in aktuellen Debatten die Lokalpolitiker. Intensiv wurde in der schuldenfreien Landeshauptstadt diskutiert, ob der Freundeskreis Heinrich Heine, der sich seit zehn Jahren für die Ehrung einsetzt, angesichts der Kosten von 75 000 Euro einen Zuschuss verdient hat. Man entschied zügig dagegen, wohl auch aus persönlicher Animosität.
Festakt: Alle Lokalpolitiker sind von der Einladungsliste gestrichen. Im Gegenzug hat Karl-Heinz Theisen, Chef des Freundeskreises, nun alle Lokalpolitiker von der Einladungsliste gestrichen. Einzig Oberbürgermeister Dirk Elbers hätte in die Walhalla kommen dürfen, aber der ist verhindert. Er feiert den zehnten Geburtstag seines Patenkindes auf Mallorca. Theisen unterm Strich: „Ich werde niemals mehr einen Cent von der Stadt annehmen.“ Der kleinkarierte Politstreit findet bereits bundesweit Beachtung, wie Medienanfragen zeigen…
Heine-Institut: Er hätte nie in die Walhalla einziehen wollen
Das, was nun an Gerresheims Büste makellos wirkt, verdankt sich nicht dem Hang zum klassischen Kitsch, sondern soll Heine wie den antiken Komödienschreiber Aristophanes wirken lassen, als dessen Nachkömmling sich Heine auf Erden empfand. So viel Esprit löst die Heine-Ehrung in der Landeshauptstadt nicht aus. Sogar in Teilen des Heine-Instituts ist man erregt und ganz sicher, dass Heine nie in die Walhalla eingezogen wäre. Gerresheim hält von diesen Diskussionen nichts, trennt den Menschen von seiner Wirkungsgeschichte. „Was meinen Sie wohl, was Jesus Christus über den Vatikan gesagt hätte?“
**********
Aus Spiegel Online 14.7.2010:
Zweifelhafte Ehrung für einen großen Dichter: Anderthalb Jahrhunderte nach Heinrich Heines Tod nimmt die berühmte Ruhmeshalle Walhalla eine Marmorbüste von ihm auf. Sie würdigt damit posthum einen ihrer schärfsten Kritiker.
Die Initiative für das neue Walhalla-Denkmal geht auf die Idee eines Münchner Schulleiters zurück. Seit 2001 engagiert sich der „Freundeskreis Heinrich Heine in Düsseldorf“ für die Aufstellung einer Büste. Der Verein hatte zunächst den Künstler Jörg Immendorff beauftragt, nach dem Tod Immendorffs hat nun dessen Kollege Bert Gerresheim den Marmorkopf geschaffen.
Für den Düsseldorfer Heine-Freundeskreis ist die Ehrung des Dichters jüdischer Herkunft ein Zeichen für Toleranz und gegen Rassismus und Antisemitismus. "Nicht zuletzt sollte die Ehrung auch ein Akt der Wiedergutmachung für das sein, was dem großen deutsch-jüdischen Dichter in der Vergangenheit - und noch weit in die Gegenwart hinein - angetan wurde", lässt der Verein verlautbaren. Die bayrische Landesregierung habe sich lange dagegen gesperrt, Heine in die Ruhmeshalle aufzunehmen. Erst durch das geschlossene Vorgehen von einflussreichen Unterstützern sei man ans Ziel gelangt. Pikanterweise hatte der posthum Geehrte für die Walhalla und ihren Bauherrn nur Spott übrig:
"Bei Regensburg läßt er erbaun/ Eine marmorne Schädelstätte/ Und er hat höchstselbst für jeden Kopf/ Verfertigt die Etikette", spottete Heinrich Heine in einem Gedicht über König Ludwig I. von Bayern, der das Monument von 1830 bis 1842 errichtet ließ.
(Anmerkung Heine Club: Das vollständige Heine Gedicht "Lobgesänge auf König Ludwig" finden Sie unter der Rubrik (H)eine Auswahl/Ausgewählte Werke)
|